DeutschEnglish

Sonntag, 10. Februar 2019, 18:09 Uhr

Von: Pina Grießbach



Am Mittwoch besuchte die politische Prominenz Deutschlands Weimar. In der Geburtsstadt der ersten Republik feierten sie die Demokratie. Vor genau 100 Jahren, am 6. Februar 1919, wurde in Weimar die deutsche Nationalversammlung eröffnet. Das Parlament der ersten demokratischen Republik tagte im Deutschen Nationaltheater. Auch einige Zwölftklässler des FSG würdigten diesen großen Tag:
Am Dienstag (05.02.1019) sieht man plötzlich in der Weimarer Innenstadt Schüler auf dem Theaterplatz umher wandeln, gekleidet wie vor 100 Jahren. Viele Neugierige bleiben stehen. Philipp läutet unermüdlich für die Aktion in der Fußgängerzone und lädt die Passanten dazu ein, die Rede des SPD-Vorsitzenden Friedrich Ebert zur Eröffnung der Nationalversammlung am 6. Februar 1919 sowie die Rede der Reichstagsabgeordneten Marie Juchacz vom 19. Februar 1919 selbst mitzuerleben.
Wir Schüler in Kostümen, die der Mode der damaligen Zeit entsprechen,  versammeln uns vor dem Weimarer Nationaltheater, denn wir repräsentieren das Volk: SPD- und USPD-Anhänger, Zentrum, KPD, Bürgerliche, Arbeiter und auch wenige Monarchisten, Kritiker und Befürworter, Zweifler und Begeisterte, die ihre Meinung zur neuen Situation kundtun wollen. Die überraschten Zuschauer sollen nachempfinden können, wie die Lage und die Stimmung im Volk 1919 waren. Wir Schüler vertreten die unterschiedlichen politischen Gruppen und bringen die verschiedenen Interessen der Gesellschaft um 1919 zum Ausdruck, mit viel Beifall, Forderungen, aber auch frechen Kommentaren und Buh-Rufen. Wenn Franz Ellenberger als Friedrich Ebert verkleidet in einigen Minuten von den Stufen des DNT seine Worte zur verfassungsgebenden Nationalversammlung zum Besten gibt, werden wir dazwischen rufen, was das Zeug hält. So der Plan.
Das Projekt wurde von Frau Jacobsen und Frau Becker auf den Weg gebracht. Frau Becker öffnete zu diesem Anlass  bereitwillig ihre Kiste der historischen Modeschätze, um uns wie zu Urgroßmutters Zeiten einzukleiden. Und auch das Stellwerk unterstützte uns mit vielen Kostümen und Accessoires. Das DNT stellte eine mobile Funkbox mit Mikro für die Redner.

Ebert begrüßt in seiner Rede speziell die Frauen, „die zum ersten Mal gleichberechtigt im Parlament erscheinen“. Er unterstreicht das Ende der „Gewaltherrschaft“ und der Monarchie. Der Sozialdemokrat und zukünftige Reichspräsident lobt die Revolution, in der sich die Menschen in blutigen Kämpfen eine parlamentarische Demokratie errungen haben. Ebenso betont er die Volkssouveränität und begrüßte das Volk als „den höchsten und einzigen Souverän in Deutschland“. Dafür erntet er fast uneingeschränkt unseren begeisterten Applaus, nur die als kaisertreue Monarchisten auftretenden Schüler widersprechen. Ebert geht auch auf die Armut und Hungersnot der Bevölkerung ein, was vor allem die Arbeiter der KPD und SPD unterstützten.
Schließlich übergibt Franz als Ebert das Wort an Isabel Ahrens und Friederike Freyer, verkleidet als Marie Juchacz (SPD) und Margarete Behm (DNVP). Beide halten gemeinsam die politische Rede zum Frauenrecht. Mit Marie Juchacz tritt zum ersten Mal eine Frau an das parlamentarische Rednerpult. Die Frauenrechtlerin betont in ihrer Rede besonders das Wahlrecht und die politische Gleichstellung der Frauen, was damals eine große Errungenschaft war. Sie fordert vor allem die Frauen auf, auch in Zukunft weiter um ihre gesellschaftliche und wirtschaftliche Gleichstellung zu kämpfen. Natürlich bekommen die beiden Rednerinnen vor allem Beifall aus unserem weiblichen Schüler-Publikum. Laut wird es dann, als Marie Juchacz betont, dass der Zug der Zeit nicht aufgehalten werden dürfe, sondern immer weiter vorwärts schreiten müsse. Hier werden Forderungen laut wie „Schutz der Mutterschaft!“, „Sozialversicherung für die Frau!“ oder „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit!“.
Zum Schluss umkreisen einige der Schüler das Goethe-Schiller-Denkmal und halten Transparente mit der Aufschrift „Gleichberechtigung“ oder „Frauen in die Berufe“ hoch, begleitet von der „Ode an die Freude“, der heutigen Europahymne.

Mit dieser anschaulichen Aktion, die uns allen viel Spaß gemacht hat und auch in vielerlei Hinsicht lehrreich war, konnten wir viele interessierte Zuschauer einfangen, die klatschten und uns anschließend viele Fragen zur damaligen Zeit stellten. Reporter der Lokalzeitung waren vor Ort, machten Fotos und befragten die beiden Projektinitiatorinnen. Am Mittwoch war ein Foto von unserer Gruppe im Weimarer Lokalteil abgedruckt.
Zum historischen Hintergrund: 1919 wurde nur ein halbes Jahr nach der Eröffnung der Nationalversammlung die Verfassung für die Weimarer Republik unterschrieben. Sie garantierte Grundrechte, die für uns heute bereits selbstverständlich sind wie beispielsweise die Gewaltenteilung, das Recht auf Versammlung und Meinungsäußerung als auch die Gleichstellung von Mann und Frau.
Vor 100 Jahren wurde in Weimar die Verfassung einer freiheitlichen Demokratie entworfen. An den Mut der Frauen und Männer sollten wir uns erinnern. Einige der damaligen Probleme sind auch heute aktuell. Demokratie, das muss uns klar sein, ist keine Selbstverständlichkeit. Gerade heute wird sie wieder bedroht, von Menschenverachtung, Rassismus, Aggressivität und Polemik. Die Weimarer Republik hielt nur 14 Jahre, dann wurde Hitler zum Reichskanzler ernannt. Wir sollten aus der Vergangenheit lernen!









<- Zurück zu: Nachrichtenarchiv

       

Sitemap  |  Kontakt  |  Impressum