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Sonntag, 25. Oktober 2009, 19:24 Uhr

Von: Alexandra Gerth



Reichstagsgebäude

Kunst

Gefangenentransporter

Stasi-Telefon

Tag 1:

Es ist 6:30 Uhr. Alle warten darauf, dass auch der letzte Schüler eintrifft und die Studienfahrt nach Berlin endlich beginnen kann. Nachdem alle im Bus sitzen, kann die Fahrt beginnen. Zunächst stellen sich der Jugendoffizier Mathias Jahn und unser Busfahrer Ronny vor und weisen uns in das Programm der nächsten drei Tage ein. Der Großteil unserer 14-köpfigen Schülergruppe ist noch etwas müde und sucht sich eine möglichst bequeme Position um weiter zu schlafen. Eine kleine Pause an einem Rasthof, auf dem sich auch ein McDonalds Restaurant befindet, lässt ein wenig Leben in die Schüler kommen und einige stärken sich mit einem kleinen Snack. Doch da auf dem Tagesplan noch weitere Punkte stehen, geht die Fahrt weiter und wir erreichen schon bald unser erstes Ziel: den Bundesrat.

Kurz bevor wir an diesen ankommen, halten Friedericke und Tina den ersten Schülervortrag über die Institution, um uns vorab schon einmal zu informieren. Im Bundesrat angekommen, bekommen wir zunächst eine kleine Führung durch diesen und ein paar Informationen über dessen Kunstinstallationen, wie „Die drei Grazien“ und die Architektur des Gebäudes. Doch das soll nicht alles sein, denn schließlich wollen wir, als Sozialkundekurs, etwas über Politik  lernen. Und so begeben wir uns in einen nachgestellten Plenarsaal, in dem wir ein Rollenspiel durchführen. Jeder Schüler bekommt die Aufgabe für ein Bundesland repräsentativ zu sein und dessen Interessen zu vertreten. Unter Leitung der Angestellten des Bundesrates wählen wir ein fiktives Gesetz, zu dem sich jedes Bundesland bekennen, oder dieses ablehnen muss. Dies natürlich nicht einfach so, sondern jeder gibt in einer kleinen Rede kurz seine Meinung preis und begründet diese. Natürlich alles ganz formell, wie es auch in einer richtigen Bundesratssitzung geschieht. Letzten Endes wird unser Gesetzesvorschlag „Alkohol erst  ab 18 Jahren“ zur Unzufriedenheit unserer Lehrerinnen abgelehnt.

Danach verslassen wir den Bundesrat und fahren zum Potsdamer Platz um dort Mittag zu essen.

Doch schon bald geht es auf zum nächsten Tagespunkt. Wir fahren in das ehemalige Hauptgebäude der Stasi und heutige Museum in der Normannenstraße. Hier führt uns ein recht junger Referent durch die Räume, in denen einst Erich Mielke seine Arbeit verrichtete. Sehr beeindruckend schildert uns der Referent die damaligen Zustände, mit welchen Mitteln die Stasi zum Beispiel Leute beschatten lies. Anschließend setzen wir uns noch in einen Raum und können uns die Fragen beantworten lassen, die während der Führung noch offen blieben und wir führen eine eifrige Diskussion darüber, ob die Stasi denn schlimmer war, als es heut zu Tage andere Geheimdienste sind und was Privatsphäre eigentlich noch bedeutet.

Doch schon ermahnt uns der Jugendoffizier zur Eile, denn unser nächster Termin im Bundesministerium der Justiz steht an. Hier warten schon zwei Damen auf uns, die uns etwas über dieses erzählen möchten.

Die erste Referentin, eine Richterin, die in das Bundesministerium der Justiz eingesetzt wurde, spricht über das Thema „Was Fußball eigentlich mit Politik zu tun hat“. Dabei geht sie auf das Problem des Wahlrechts für Immigranten ein. Richtig Zeit für Fragen an diese Referentin bleibt uns leider nicht, da sie recht pünktlich, nachdem sie mit ihrem Vortrag fertig ist, auch schon wieder los muss. Die zweite Referentin erzählt uns schließlich etwas über das Gebäude und die Funktionen des Bundesministeriums der Justiz. Eine Führung gibt es leider nicht.

Nach diesem schon recht anstrengenden Tag, fahren wir nun endlich in unser Hotel um die Zimmer zu beziehen und uns schließlich ein wenig auszuruhen.

Tag 2

Der zweite Tag unserer dreitägigen Studienfahrt beginnt mit einem sehr viel versprechendem Frühstück in unserem Hotel. Gesättigt und mit neuer Energie für den anstehenden Tag, machen wir uns schließlich auf zum Bundeskanzleramt (BKA). Im Bus hören wir einen weiteren Schülervortrag, von Peter, der uns ein paar grundlegende Informationen über das BKA erzählt. Und als wir nun endlich vor dem BKA stehen, müssen wir erfahren, dass wir uns doch noch eine halbe Stunde gedulden müssen. Also beginnen sich alle noch einmal die Füße zu vertreten und spazieren ein wenig im Regierungsviertel und an der Spree herum. Schließlich geht es los und wir werden zunächst, etwa wie auf dem Flughafen, vom Personal kontrolliert. Drei unserer Mitschüler dürfen, auf Grund von Schwierigkeiten mit der Besucherliste, leider nicht mit hinein und müssen während des Besuches des BKA draußen warten.

Unsere Führung beginnt mit einem Film über das Regierungsgebäude, gefolgt von der Besichtigung des selbigen. Es werden uns verschiedene Architektonische und künstlerische Elemente aufgezeigt, wie zum Beispiel die „Ahnengalerie“ der ehemaligen Bundeskanzler. Und als uns auf die Frage hin „ob es denn möglich ist, dass die Bundeskanzlerin hier vorbeiläuft?“ mit „Ja“ geantwortet wird, sind wir alle doch ein wenig beeindruckt. Unter anderem erfahren wir, während wir gerade in einem Konferenzsaal stehen, auch mehr über die Arbeit, die unsere derzeitige Bundeskanzlerin leistet und dass sie quasi einen 24-Stunden Job hat. Anschließend geht es dann in die Kantine der Institution, wo sich der Großteil unserer Gruppe eine sehr preiswertes und schmackhaftes Mittag gönnt.

Letzten Endes werden wir dann von einer jungen Mitarbeiterin des Sicherheitspersonals herauskomplimentiert.

Unser nächster Tagespunkt ist das Bundesministerium der Verdeidigung. Hier werden wir zunächst von den Feldjägern kontrolliert. Anders als erwartet bekommen wir hier keine Führung, sondern werden gleich in einen Konferenzraum gebeten. Ein Offizier begrüßt uns und wir beginnen Fragen zu stellen und diskutieren über verschiedene Probleme zum Thema Bundeswehr. Was unsere Gruppe wohl am meisten Interessiert, ist der Sinn bzw. Unsinn der Wehrpflicht ,da sich die meisten männlichen Teilnehmer unserer Studienfahrt gerade in der Entscheidungsphase befinden, ob sie der Wehrpflicht nachgehen wollen  oder nicht. Des weiteren kommt die Problematik zur Sprache, inwiefern die Auslandseinsätze der deutschen Soldaten und Soldatinnen verantwortbar sind. Richtig einig werden sich hierbei Schüler und Offizier jedoch nicht. Doch insgesamt kann der Vertreter der Bundeswehr unsere Fragen sehr gut beantworten und scheut auch nicht davor persönliche Erlebnisse preis zu geben, die er mit der Bundeswehr machte. Doch auch die interessanteste Fragestunde geht einmal zu Ende und trotz das einige Schüler vielleicht noch länger hätten diskutieren und Fragen stellen wollen machen wir und auf zu unserem nächsten Ziel, dem Bundestag.

Bei der Rückkehr zum Bus drückt unser Jugendoffizier jedem noch ein McDonalds Gutschein der Bundeswehr in die Hand und die Fahrt geht weiter.

Im Bundestag angekommen, wechselt die Stimmung. Vom eben noch recht persönlichen Gespräch kommen wir nun in einen völlig überfüllten Bundestag. Schüler- und andere Besuchergruppen drängeln sich aneinander vorbei und jeder will einen kleinen Blick auf die Politiker erhaschen. Schließlich nehmen wir auf einem der Besucherränge platz und folgen einer Sitzung des Bundestages in der es darum geht, alle Menschen, die in der NS-Zeit als Kriegsverbrecher verurteilt wurden, freizusprechen. Es sitzen nicht gerade viele Mitglieder der Parteien im Saal und gehen ständig ein und aus. Doch die Politiker lassen sich davon nicht beirren und halten ihre eindrucksvollen und rhetorisch einwandfreien Reden am Rednerpult. Als die Debatte zu Ende ist, bekommen wir noch einmal die Möglichkeit auf die Kuppel hinauf zu steigen und dann geht es wieder auf zum Bus.

Ein sehr anstrengender Tag geht zu Ende und wir bekommen von unseren Lehrerinnen frei gestellt, nun noch ein wenig Freizeit in der Hauptstadt Berlin zu verbringen, oder zurück ins Hotel zu fahren.

Tag 3

Der letzte Tag unserer kurzen Fahrt.

Nachdem wir alle mehr oder weniger munter unsere Sachen gepackt und den Magen gefüllt haben, geht es auf zur ersten Station dieses Tages: Amnesty International.

Wir finden das Gebäude nicht auf den ersten Blick - lediglich ein kleines, gelbes Schild mit dem Logo der Menschenrechtsorganisation zeigt uns, dass wir richtig sind. Freundlich werden wir schon auf der Straße von einer Praktikantin empfangen, die uns in das unerwartet kleine und unspektakuläre 1-Zimmer-Büro führt. Hier werden wir, im Kreis um den großen Holztisch sitzend und mit Gummibärchen versorgt, kurz von einer ehrenamtlichen Mitarbeiterin eingeführt. Sie erklärt uns, was und vor allem wo Amnesty arbeitet und was Ziele und aktuelle Projekte der Organisation sind. So erfahren wir, dass sich in Ländern auf allen Kontinenten der Erde Menschen für die Gruppe engagieren, aber, außer in Ausnahmefällen, nie im eigenen Land agieren. Auf unser Erstaunen hin erklärt sie warum: in vielen, gerade asiatischen Staaten, sind Gruppierungen wie Amnesty International und ihre Aktionen verboten-die einheimischen Mitarbeiter würden sich also strafbar machen, wenn sie zum Beispiel eine Demonstration vor der Botschaft stattfinden lassen würden. Um die jeweiligen Mitglieder zu schützen, wird also vor jeder Aktion mit dem Hauptsitz in London abgesprochen, wo die Organisation wie, wann und mit wem diese durchgeführt wird.

Unsere Referentin erzählt auf unser Fragen hin, dass sie zwar bei einzelnen Projekten auch mit anderen Menschenrechtlern wie zum Beispiel „Terre des hommes“ zusammenarbeiten, das aber, auf Grund von Finanzierungsmittel- und Sponsorenkonkurrenz, eher die Ausnahme ist. Uns will nicht ganz einleuchten, warum man bei so wichtigen gemeinsamen Zielen nicht alles in einen Topf wirft und gemeinsam für Toleranz, Gerechtigkeit und Willens- sowie Religionsfreiheit kämpft. Auch als sie erklärt, dass ja eine gewisse Kooperation und Absprache im Sinne von „Wir setzen uns da ein und ihr dort.“ geschehe, rein organisatorisch aber eine klare Trennung der beiden Gruppen notwendig wäre.

Im Endeffekt verlassen wir mit vielen Fragen und mit Gedanken angefüllt das Gebäude- warum kann Geld der Grund dafür sein, dass man sich nicht zusammen stark macht und so vielleicht noch mehr erreichen könnte?!

Viel Zeit zum Grübeln bleibt aber nicht. Die letzte Mittagspause in Berlin steht an, diesmal auf dem Alexanderplatz. Viele nutzen diesen Halt, um auch die letzen  Euro für Andenken und Leckereien auszugeben.

Danach geht’s auf zum ARD-Hauptstadt-Studio. Dort werden wir nach kurzem Warten durch das beeindruckende Gebäude geführt. Man hat sogar extra für uns den Roten Teppich ausgerollt :).... Von einer netten jungen Frau werden wir in diverse Studios geführt, wo sie uns in die Geheimnisse der Interview- Hintergründe einweiht. Wir erfahren so zum Beispiel, dass eine Kamera rund um die Uhr die Kuppel des Bundestags filmt und so die Sprecher aus Politik, Wirtschaft und Kultur einen Hintergrund passend zu Tageszeit und Wetter eingestellt bekommen. Auch über das komplexe und komplizierte Beleuchtungssystem staunen wir: die Scheinwerfer werden hier tatsächlich noch per Hand eingestellt.

Noch begeisterter sind wir, als wir uns eins der Tonstudios von innen ansehen dürfen. Wahnsinn, wie aufwändig es ist, einen kurzen Beitrag, wie ein Interview oder eine Lesung, so zuzuschneiden, dass kein Räuspern und kein Versprecher mehr enthalten ist. Es scheint, als würde der Eine oder Andere diesen Beruf durchaus in Erwägung ziehen, mit der Aussicht bei all diesen Möglichkeiten mit Geräuschen und Verzerrung herum experimentieren zu können.

Anschließend werden wir in einen gläsernen Sitzungsraum geführt und von einem Redakteur des Senders aufgefordert, all unsere Fragen zu stellen. Obwohl alle sehr müde sind, kommt eine rege Diskussion über Pressefreiheit und vor allem Berichte über das Schicksal, der in den Krisengebieten eingesetzten deutschen Soldaten zu Stande. Ein weiteres Thema ist außerdem rechts- und linkslastige Presse und Klatschblätter wie die BILD. Lesen oder nicht lesen? - Die Entscheidung liegt wohl bei jedem selbst, bedenken sollte man nur, dass man mit jedem Kauf die jeweilige Zeitschrift auch finanziell unterstützt.

Nach diesem aufschlussreichem Gespräch geht’s zur letzten Station unserer Studienfahrt. Hohenschönhausen.

Das ehemalige Gefängnis der Staatssicherheit (kurz Stasi) der DDR ist ein grauer, viereckiger Bau eingegrenzt von hohen Mauern und Stacheldraht. Die Meisten überfällt schon bei der Aussicht auf eine Führung durch diesen Gebäudekomplex, in dem auf grausame Weise über Menschenleben entschieden wurde, ein unwohles Gefühl. Der Mann, der uns durch die Räume, über den Hof und die Keller führt, lässt uns selbst für diese Führung in die Rolle eines Gefangenen schlüpfen. Schritt für Schritt gehen wir mit ihm die Station eines Häftlings ab. Wir sehen einen, schon aus der Normannenstraße, bekannten Transportwagen, gehen durch die Verhörungsräume, die kahlen, Beklemmung hervorrufenden Flure und die Zellen in den Kellern. Grauen packt uns, bei dem Gedanken hier Wochen oder Monate eingesperrt zu sein. Die eindringlichen Erläuterungen über Vorschriften der Schlafhaltung, die Ausführung der inhumanen Foltermethoden und den grausamen Umgang mit den Inhaftierten, gehen uns allen sehr nahe. Als wir erfahren, dass der Mann, der da vor uns steht und redet, selbst hier gefangen gehalten wurde, sind wir tief bewegt. Er spricht über die nicht nur psychischen Folgen einer solchen Haft, sondern auch über die Auswirkungen im sozialen, alltäglichen Leben. Wenn auch schuldlos gefangen genommen, wurde man, wieder entlassen, gemieden und fortan misstrauisch beäugt.

Das beispielhafte Schicksal dieses Mannes, der aufrichtig und ehrlich wirkt und seine Ausführungen über die Verhältnisse in Hohenschönhausen, lassen uns zumindest erahnen, welche Grausamkeit die Menschen hier erfahren mussten.

Viel spricht niemand, nachdem wir wieder draußen sind. Alle hängen ihren eigenen Gedanken nach.

Auf der Rückfahrt schläft der Großteil schnell ein. Aber auch der Rest ist müde, obgleich sich alle einig sind, dass diese Fahrt nicht nur wahnsinnig interessant und horizonterweiternd war, sondern auch eine schöne und prägende Alternative zum klassischen Frontalunterricht.

In Weimar verabschieden wir uns gähnend, alle froh, nun wieder im eigenen Bett schlafen zu können.

Es hat sich gelohnt mit zu fahren, da sind sich alle einig! Lässt sich nur hoffen, dass noch viele weitere Jahrgänge diese einmalige Chance bekommen, so intensiv und vor Ort etwas über Politik, Geschichte und Gesellschaftsentwicklung zu erfahren.









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